Zwanzig Jahre. Und dann stand ich mit dem Badge in der Hand da.

Sie haben ihm nach zwei Jahrzehnten gekündigt. Am letzten Tag legte er Laptop und Badge auf den Schreibtisch — und ging durch den Haupteingang, ohne dass jemand vorbeikam. Der Anruf zwei Wochen später hat ihn mehr beschäftigt als der Abschied selbst.

Sie haben mir gekündigt, nach zwei Jahrzehnten. Ich hatte keine Rede erwartet. Was ich erwartet hatte, war ein Mensch.

Man carrying box of belongings in office
Photo by Vitaly Gariev / Unsplash

Eingereicht von einem anonymen Leser. Berufsbezeichnung auf LinkedIn: «Key Account Manager». Berufsbezeichnung an jenem Freitag: «Person, die noch schnell den Badge abgeben muss».


Zwanzig Jahre. Erst Innendienst, dann Aussendienst, zuletzt Key Accounts.

In dieser Zeit habe ich Produkte verkauft, die es heute nicht mehr gibt. Ich hatte drei Verkaufsleiter, zwei Reorganisationen und eine Fusion. Ich hatte Kunden, die in diesen zwanzig Jahren dreimal den Einkaufsleiter gewechselt haben und trotzdem geblieben sind, weil ich der war, der blieb.

Ich sage das nicht, um mich wichtig zu machen. Ich sage es, damit klar ist, dass ich nicht drei Monate dort war.

Die Woche davor

Gekündigt haben sie mir. Restrukturierung, hiess es, die Stelle falle in dieser Form weg. Ein Gespräch von zwanzig Minuten, jemand von der Personalabteilung sass dabei. Kein Streit, kein Knall, keine Anwälte. Es war alles korrekt.

Die letzte Woche verlief trotzdem wie jede andere. Zwei Kundentermine, ein Übergabegespräch mit dem Kollegen, der die Accounts bekommt. Ich habe ihm alles aufgeschrieben, was nicht im CRM steht — und das ist, wie jeder weiss, der wirkliche Teil.

Ich hätte das auch bleiben lassen können. Ich habe kurz darüber nachgedacht.

Am Donnerstag kam eine Mail von der Personalabteilung. Betreff: «Austritt — Rückgabe Arbeitsmittel». Darin eine Liste. Laptop, Badge, Tankkarte, Schlüssel Sitzungszimmer 2. Bitte bis Freitag, 17 Uhr.

Es war die einzige Mail zu meinem Austritt, die ich bekommen habe.

Der Freitag

Ich habe den Laptop auf den Schreibtisch gelegt. Den Badge daneben. Die Tankkarte obendrauf, damit nichts verrutscht.

Dann habe ich mich umgeschaut, ob noch jemand da ist.

Der Abteilungsleiter war in einem Termin. Das wusste ich, weil ich seinen Kalender zwanzig Jahre lang sehen konnte. Ich hätte anklopfen können. Ich habe es nicht gemacht, weil ich mir ziemlich sicher war, wie das ausgeht: kurz aufschauen, «hey, alles Gute», weitermachen.

Man kennt seine Leute nach zwanzig Jahren.

Drei Kollegen waren zufällig noch im Grossraum. Die haben gemerkt, was gerade passiert, und sind mit zur Tür. Zwei Minuten, ein bisschen verlegen, einer hat gesagt, wir sollten mal ein Bier trinken gehen.

Ich habe mich bei ihnen bedankt. Das habe ich ernst gemeint.

Dann bin ich durch den Haupteingang raus.

Der Anruf, der nicht kam

Ich möchte fair bleiben: Eine Restrukturierung ist eine Restrukturierung. Zahlen sind Zahlen, und ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass so etwas nicht persönlich gemeint ist.

Genau deshalb hatte ich damit gerechnet, dass irgendwann in dieser letzten Woche jemand vorbeikommt und zwei Sätze sagt. Nicht wegen der Sätze. Sondern weil ich zwanzig Jahre lang genau das gemacht habe, was mir die Firma jedes Jahr in der Schulung erklärt hat.

Nachfassen, wenn es keiner erwartet. Sich merken, dass der Einkäufer eine Tochter hat, die studiert. Nach einem verlorenen Deal trotzdem anrufen, weil man in zwei Jahren wieder redet.

Das war die Grundlage von allem. Stand in jeder Präsentation.

Am Montag darauf habe ich mein Handy angeschaut. Nichts. Nach zehn Tagen habe ich aufgehört zu schauen.

Der Teil, der mich wirklich beschäftigt

Ich bin weg. Mir kann das inzwischen egal sein.

Was mich beschäftigt, ist ein Anruf, den ich zwei Wochen später bekommen habe. Von einer Kollegin aus dem Team, die noch dort ist. Sie hat gefragt, wie es mir geht, und dann sagte sie einen Satz, den ich nicht mehr loswerde:

«Weisst du, alle haben gesehen, wie das gelaufen ist bei dir.»

Sie hat es nicht dramatisch gesagt. Eher nebenbei.

Aber genau das ist der Punkt. Ich war nicht das Publikum. Ich war schon draussen. Das Publikum sass noch im Grossraum und hat drei Tage lang auf einen leeren Schreibtisch geschaut, auf dem ein Laptop und ein Badge lagen.

Und jeder von denen hat in dem Moment eine Antwort auf eine Frage bekommen, die keiner laut stellt.

Was ich daraus gelernt habe

Erstens: Die Austrittscheckliste einer Firma funktioniert immer tadellos. Zugänge sperren, Geräte einziehen, Zeugnis bis Datum X. Für den ersten Tag gibt es einen Onboarding-Plan, einen Buddy und eine Tasche mit Logo. Für den letzten Tag gibt es eine Liste mit vier Positionen. Da hat sich jemand Gedanken gemacht — nur nicht über den Teil, an den man sich erinnert.

Zweitens: Wenn eine Firma sagt, Beziehungen seien das Fundament des Geschäfts, dann meint sie damit Kundenbeziehungen. Das ist keine Bosheit. Das fällt einfach niemandem auf, solange es nur nach aussen gilt.

Und nach einer Kündigung fällt es erst recht keinem auf. Da ist der Fall abgeschlossen, sobald die Unterschrift da ist. Der Rest wirkt dann wie Nachtarbeit an einem Dossier, das schon im Archiv liegt.

Drittens — und das ist das Ernste: Eine Kündigung kann sachlich richtig sein. Wie sie zu Ende gebracht wird, ist trotzdem eine Entscheidung, und die trifft jemand. Das Team sieht dabei nicht, ob die Zahlen gestimmt haben. Es sieht nur, was am Ende auf dem Tisch liegt.

Und der letzte Tag ist nicht das Ende. Er ist der Anfang von dem, was ich ab jetzt über diese Firma erzähle. Zwanzig Jahre lang hätte ich jedem gesagt, das sei ein guter Arbeitgeber. Ich sage jetzt nichts Schlechtes über sie — dafür war die Zeit zu gut und ich zu alt für sowas.

Ich sage einfach gar nichts mehr.

Das hätte man für dreissig Franken und eine halbe Stunde anders haben können.


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