Wenn die Maschine verkauft, wer zahlt dann die AHV?

Drei SDR-Stellen, ersetzt durch ein Abo für zwölftausend Franken. Betriebswirtschaftlich ein klarer Entscheid. Nur zahlt ein Abo keine AHV ein, und irgendwer bekommt am Ende die Rechnung.

robot and human hands reaching toward each other
Photo by Cash Macanaya / Unsplash

Richard David Precht will Maschinenarbeit besteuern wie menschliche Arbeit. Für den Vertrieb ist das keine Philosophenfrage, sondern eine Rechenaufgabe.


Der Vorschlag klingt erst mal wie eine dieser Ideen, die in einem Podcast gut wirken und in der Verwaltung sterben: Wenn eine Maschine die Arbeit eines Menschen übernimmt, soll auf diese Arbeit dasselbe abgeführt werden wie auf die des Menschen.

Richard David Precht vertritt diese Position seit Jahren. Zuletzt in der Rentendebatte, die in Deutschland gerade jeden zweiten Podcast füllt.

Man kann das für Sozialromantik halten. Man kann auch kurz nachrechnen.

Das Problem ist ein Rechenproblem

Die AHV funktioniert nach einem simplen Prinzip: Wer arbeitet, zahlt ein. Wer nicht mehr arbeitet, bekommt heraus. Finanziert wird sie über Lohnprozente, dazu Bundesmittel und Mehrwertsteueranteile.

Das hält, solange genug Menschen Löhne beziehen.

Und jetzt schaut euch euer eigenes Vertriebsteam an.

Wie viele SDR-Stellen habt ihr in den letzten zwei Jahren nicht mehr besetzt, weil ein Tool die Recherche übernimmt? Wie viele Angebote schreibt heute jemand in einem Drittel der Zeit, weil der erste Entwurf aus einem Modell kommt? Wie viele Innendienststellen sind stillschweigend verschwunden, nicht durch Kündigung, sondern durch Nichtnachbesetzung?

Die Arbeit ist nicht weg. Sie wird nur nicht mehr von jemandem gemacht, der Lohnprozente abführt.

Genau das ist Prechts Punkt. Nicht Technikfeindlichkeit, sondern die Beobachtung, dass ein Finanzierungssystem an Löhne gekoppelt ist, während die Wertschöpfung sich von Löhnen entkoppelt.

Warum der Vertrieb der interessanteste Testfall ist

In der Industrie diskutiert man über Roboter seit dreissig Jahren. Da ist die Frage alt.

Im Vertrieb passiert es gerade, und zwar schneller, als die meisten zugeben. Prospecting, Recherche, Erstansprache, Angebotserstellung, Nachfassmails, Gesprächsprotokolle: Das sind alles Tätigkeiten, für die vor drei Jahren jemand angestellt war.

Der Unterschied zur Industrie: Man sieht es nicht. Es steht keine Maschine in der Halle. Es steht ein Abo in der Kostenstelle.

Und ein Abo zahlt keine AHV.

Wenn ein Unternehmen drei SDR-Stellen durch ein Werkzeug für zwölftausend Franken im Jahr ersetzt, spart es nicht nur Lohn. Es entzieht dem Sozialsystem drei vollständige Beitragszahler und behält die Wertschöpfung. Volkswirtschaftlich ist das eine Verschiebung, betriebswirtschaftlich ist es einfach ein guter Entscheid.

Deshalb wird er auch getroffen.

Was gegen die Idee spricht

Jetzt der unbequeme Teil für alle, die den Vorschlag sofort sympathisch finden.

Was genau besteuert man? Ein CRM automatisiert seit zwanzig Jahren Arbeit, die früher jemand von Hand gemacht hat. Ein Taschenrechner auch. Die Grenze zwischen Werkzeug und Arbeitsersatz ist keine Linie, sondern ein Verlauf. Wer sie zieht, zieht sie willkürlich.

Wer misst das? Um eine Maschinensteuer zu erheben, müsste jemand feststellen, wie viele Personenstunden ein System ersetzt. Das weiss das Unternehmen selbst nicht genau. Jede Bemessungsgrundlage wäre eine Schätzung, und jede Schätzung eine Einladung zur Gestaltung.

Und die Standortfrage. Die Schweiz konkurriert nicht mit sich selbst. Eine Abgabe, die es in Irland oder Singapur nicht gibt, verteuert Automatisierung genau dort, wo sie ohnehin teuer ist. Software lässt sich verschieben, Produktionshallen nicht.

Ökonomen halten dem Vorschlag ausserdem entgegen, dass Automatisierung historisch mehr Beschäftigung geschaffen als vernichtet hat, nur eben anderswo. Wer Maschinen besteuert, bremst diesen Umbau, statt ihn zu finanzieren.

Alles berechtigte Einwände.

Nur beantworten sie die ursprüngliche Frage nicht.

Die Frage bleibt stehen

Wenn ein wachsender Teil der Wertschöpfung ohne Lohnzahlung entsteht, und wenn die Altersvorsorge an Lohnzahlungen hängt, dann klafft da etwas auseinander. Man kann die Maschinensteuer für den falschen Weg halten. Aber dann braucht es einen anderen.

Die realistischen Kandidaten sind schnell aufgezählt: höhere Mehrwertsteuer, weil sie den Konsum trifft und nicht den Lohn. Kapital stärker belasten statt Arbeit. Länger arbeiten. Oder Leistungen kürzen.

Jede dieser Varianten hat Verlierer, und jede wird deshalb genauso schwer durchsetzbar sein wie eine Maschinensteuer.

Das ist der eigentliche Grund, warum die Debatte so zäh ist. Es gibt keine Variante, bei der niemand zahlt.

Was das für euch bedeutet

Konkret und ohne Weltverbesserung:

Wenn ihr gerade Stellen im Vertrieb nicht nachbesetzt, weil Werkzeuge die Arbeit übernehmen, seid ihr Teil dieser Rechnung. Das ist kein Vorwurf, es ist einfach so.

Und es heisst, dass diese Debatte irgendwann bei euch ankommt, in Form einer Abgabe, einer Deklarationspflicht oder einer höheren Mehrwertsteuer. Wer heute Automatisierungsgewinne kalkuliert, sollte einkalkulieren, dass die Rechnung in zehn Jahren anders aussehen kann.

Fazit

Prechts Vorschlag ist wahrscheinlich nicht umsetzbar. Zu unscharf, zu schwer zu messen, zu leicht zu umgehen.

Aber er zwingt zu einer Frage, die im Vertrieb sonst niemand stellt: Wir feiern jede eingesparte Stelle als Effizienzgewinn. Wir haben nur nie ausgerechnet, wer die Rechnung dafür bekommt.

Der Verkäufer, der nicht mehr eingestellt wird, zahlt dreissig Jahre lang keine AHV ein.

Das Tool, das seine Arbeit macht, zahlt nie.


Wie viele Stellen habt ihr in den letzten zwei Jahren nicht nachbesetzt, weil Werkzeuge die Arbeit übernommen haben? Schreibt uns auf redaktion@roestileads.ch

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