Willkommen im Team. Das Auto steht unten.
Er hatte sich bewusst für die Stelle entschieden. Renommierte Firma, Zürich, Firmenwagen inklusive — was er im Handschuhfach fand, war erst der Anfang.
Kondome im Handschuhfach, 180 Kunden auf Zetteln und ein Chef der nie Zeit hat. Ein erster Arbeitstag der alles hatte — ausser einem guten Anfang.
Eingereicht von einem anonymen Leser aus Zürich. Berufsbezeichnung auf LinkedIn: «Key Account Manager». Berufsbezeichnung an jenem Montag: «Erbe eines Chaos, das ich nicht bestellt hatte».
Ich hatte mich bewusst für diese Stelle entschieden. Renommierte Firma. Zürich. Key Account Manager. Gutes Gehalt, Firmenwagen inklusive. Ich hatte die Stelle gegen mehrere andere Kandidaten gewonnen, zweimal interviewt, einmal einen Business Case präsentiert und am Ende ein Angebot bekommen, das ich nach 24 Stunden Bedenkzeit angenommen hatte.
Das Auto wartete bereits am ersten Tag auf mich. Ein solider Kombi, gepflegt von aussen, parkiert in der Tiefgarage. Ich stellte meine Tasche auf den Beifahrersitz, öffnete das Handschuhfach um nachzuschauen ob die Fahrzeugpapiere drin lagen.
Sie lagen drin. Zusammen mit einem angebrochenen Päckchen Kondome.
Ich schloss das Handschuhfach. Öffnete es nochmal. Schloss es wieder. Legte die Kondome in den Kofferraum — irgendwo, weg — und fuhr ins Büro. Manche Fragen stellt man besser nicht.
Das CRM
Im Büro angekommen wurde mir erklärt, dass es kein CRM mehr gebe. Man hatte früher eines. Dann hatte jemand entschieden, die Lizenz nicht mehr zu verlängern — zu teuer. Das System war abgeschaltet worden. Die Daten? Teilweise exportiert, teilweise nicht. Meine 180 Bestandskunden waren irgendwo. Digital, analog, in Köpfen von Leuten die nicht mehr da waren.
«Du musst dir die Kontakte selbst zusammensuchen», sagte man mir freundlich. «Einige sind auf Papier vermerkt. Vielleicht kannst du die auch brauchen.»
Ich nickte. Ich lächelte. Innerlich begann ich, meinen Entscheid zu überdenken.
Der Abteilungsleiter
Man hatte mir gesagt, ich solle mich beim Abteilungsleiter vorstellen. Ein erfahrener Mann, hiess es. Direkt, aber fair. Ich ging zu seinem Pult.
Er lief an mir vorbei ohne aufzuschauen.
Ich stand auf, folgte ihm zu seinem Schreibtisch. Er hob kurz den Blick, der Gesichtsausdruck eines Mannes dem man gerade den Mittag unterbrochen hat: «Ich bin busy. Sprechen wir später.»
Später kam nicht. Nicht an jenem Tag. Nicht in der ersten Woche. Ich lernte bald, dass «später» in diesem Büro eine Zeitangabe war die ungefähr so verbindlich war wie «bald» bei einer Zugverspätung.
Die Kunden
In der zweiten Woche hatte ich genug Kontakte zusammengesucht um mit den Bestandskunden in Verbindung zu treten. Ich schrieb professionelle, freundliche E-Mails. Vorstellung, kurzer Austausch, Besuchstermin.
Die Antworten kamen. Nicht mit Terminvorschlägen.
Mein Vorgänger — jener Mann, dessen Kondome ich still in den Kofferraum gelegt hatte — hatte in den letzten Wochen vor seinem Abgang offenbar grosszügig Abschiedsgeschenke verteilt. Kostensenkungen, Rabatte, Sonderkonditionen. Versprechen, die er nicht mehr einhalten musste. Weil er ja weg war.
Ich war nicht weg. Ich war neu. Und ich durfte jetzt erklären, warum diese Versprechen so nicht umsetzbar waren.
Mehrere Kunden drohten mit Kündigung. Einer schrieb, er habe «kein Vertrauen in eine Firma, die solche Zusagen nicht einhält». Die Zusage hatte mein Vorgänger gemacht. Aber das war eine Nuance, die in der Hitze des Moments niemanden interessierte.
Der Bonus
Ich ging zum Chef. Erklärte die Situation ruhig und sachlich. Die Versprechen des Vorgängers, die drohenden Kündigungen, die Unmöglichkeit, die zugesagten Konditionen zu erfüllen ohne die Marge zu ruinieren.
Der Chef hörte zu. Nickte. Dachte kurz nach.
Dann sagte er: «Ja, das wird sich natürlich auf deinen Bonus auswirken.»
Erster Monat.
Was ich daraus gelernt habe
Erstens: Vor dem ersten Tag fragen, ob es ein CRM gibt. Und ob es noch eingeschaltet ist.
Zweitens: Das Handschuhfach vor der Schlüsselübergabe inspizieren. Oder zumindest danach fragen was der Vormieter so für ein Typ war.
Drittens — und das ist das Ernste an dieser Geschichte: Kein Unternehmen das seinen Vertrieb ernst nimmt, lässt einen neuen Key Account Manager mit 180 Kunden auf Zetteln starten. Kein Unternehmen das seine Mitarbeitenden ernst nimmt, macht einen Neuen für die Versprechen seines Vorgängers haftbar. Und kein Chef der seinen Job ernst nimmt, begrüsst einen neuen Mitarbeitenden mit «später».
Ich blieb übrigens nicht lange. Aber das ist eine andere Geschichte.
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