99 Problems but Anna ain't one

Ein Tagesbericht einer Frau im Schweizer B2B Sales: nicht befördert, bei Kundenmeetings ignoriert, und trotzdem die beste im Team. Erkennbar wahr.

Woman working late on a laptop in a dark office.
Photo by yan kolesnyk / Unsplash

Anna heisst nicht Anna. Aber sie kennt sich. Und ihr kennt sie auch — denn sie sitzt in jedem zweiten Schweizer Sales-Team. Sie hat die besten Zahlen. Sie macht die Arbeit. Und sie schreibt uns diesen Tagesbericht, weil sie es satt hat, so zu tun, als wäre alles normal. Es ist nicht normal.

07:48 Uhr — Büro, Zürich

Ich bin die Erste im Büro. Ich bin fast immer die Erste im Büro. Das wird nie jemand erwähnen.

Ich hole mir einen Kaffee, öffne meinen Laptop und sehe, dass unser VP Sales — nennen wir ihn Thomas, er heisst wirklich Thomas — um 23:14 Uhr eine E-Mail geschickt hat mit dem Betreff «Pipeline Review morgen, 9 Uhr». Keine Agenda. Keine Vorbereitung, die er von sich aus übernommen hätte. Nur die Einladung.

Ich weiss, was das bedeutet: Ich werde die Zahlen vorbereiten. Ich werde die Folien machen. Ich werde das Meeting moderieren, weil ich «so gut strukturiert bin». Und Thomas wird am Ende nicken und sagen: «Super, danke euch allen.»

Ich fange mit den Folien an.

09:03 Uhr — Pipeline Review

Wir sind sechs im Meeting. Ich bin die einzige Frau. Das ist nicht ungewöhnlich.

Ich präsentiere die Pipeline. Meine Pipeline ist die stärkste — 340% im Vergleich zum Vorquartal, drei Enterprise-Deals in der Final Stage. Ich erkläre die Methodik, die ich entwickelt habe, um unsere Qualifikationskriterien zu schärfen.

Marco — 28, seit vier Monaten im Team, enthusiastisch, die Haare immer perfekt — unterbricht mich nach zwei Minuten: «Ja, ich finde, wir sollten da eigentlich noch den BANT-Ansatz stärker einbeziehen.»

BANT. Das Qualifikationsframework aus den 1960ern, das ich ihm vor drei Wochen erklärt habe.

Thomas nickt. «Guter Punkt, Marco.»

Ich atme durch. Mache weiter. Lächle, weil ich gelernt habe, dass Frauen, die nicht lächeln, als «schwierig» gelten.

11:15 Uhr — Corridor Conversation

Thomas hält mich nach dem Meeting kurz zurück. Ich denke kurz: Vielleicht geht es um die Beförderung. Letzte Woche haben wir «das Gespräch» geführt — das dritte in zwei Jahren. Er hat gesagt, ich sei «auf dem richtigen Weg». Er hat das schon zweimal gesagt.

Stattdessen sagt er: «Kannst du mir helfen, die Onboarding-Unterlagen für den neuen Kollegen vorzubereiten? Du machst das immer so schön strukturiert.»

Der neue Kollege heisst Fabian. Er ist 26. Er hat keinen Sales-Hintergrund. Er hat den Job bekommen, für den ich mich intern beworben hatte — Team Lead, vier Direktberichte, CHF 20'000 mehr Jahresgehalt.

«Klar», sage ich.

Ich sage immer klar. Das ist mein Problem. Und das weiss ich.

12:30 Uhr — Mittagessen, alleine

Die Jungs gehen zusammen essen. Sie gehen fast immer zusammen essen. Manchmal fragen sie mich — meistens wenn jemand das Spesendach ausschöpfen will und eine vierte Person braucht. Heute hat mich niemand gefragt.

Ich esse ein Sandwich am Schreibtisch und bereite die Unterlagen für das Kundengespräch am Nachmittag vor. Der Kunde ist ein Einkaufsleiter einer grossen Zürcher Versicherung. Er heisst Beat. Ich kenne Beat seit acht Monaten. Ich habe ihn durch den gesamten Evaluierungsprozess begleitet. Ich kenne seine Bedenken, seine Budgetlogik, seinen Entscheidungsprozess.

Thomas kommt kurz vorbei und sagt, er würde «kurz mitkommen, für die Relationship». Ich sage klar.

14:30 Uhr — Kundengespräch, Konferenzraum beim Kunden

Beat begrüsst uns. Er schüttelt Thomas die Hand, lang und herzlich. Dann schüttelt er mir die Hand und sagt: «Und Sie sind...?»

Acht Monate. Zwölf Gespräche. Drei gemeinsame Mittagessen.

«Anna», sage ich. «Wir kennen uns — ich habe mit Ihnen den gesamten Evaluierungsprozess begleitet.»

«Ach natürlich, natürlich», sagt Beat, und ich sehe, dass er sich nicht erinnert. Er schaut Thomas an. «Fangen wir an?»

Das nächste Meeting läuft so: Beat stellt Fragen. Er schaut dabei Thomas an. Thomas schaut mich an. Ich antworte. Beat schaut wieder Thomas an, um zu sehen, ob er nickt.

Thomas nickt. Beat ist zufrieden.

Ich schliesse den Deal. Das ist meine Stärke — ich schliesse immer. Beat unterschreibt. Händedruck mit Thomas. Dann mit mir. «Tolle Zusammenarbeit», sagt er zu Thomas.

Im Lift nach unten sagt Thomas: «Super gelaufen.» Meint er es als Lob? Ich weiss es nicht. Ich sage danke.

17:45 Uhr — Slack-Nachricht

Fabian schreibt mir auf Slack: «Hey Anna, kannst du mir kurz helfen mit meinem Pitch für morgen? Du kennst dich ja so gut aus.»

Fabian. Team Lead. Vier Direktberichte. CHF 20'000 mehr als ich.

Ich starre auf die Nachricht. Ich denke an die drei Jahre, die ich in dieses Team investiert habe. An die Nächte, die ich Angebote überarbeitet habe. An die Kunden, die ich aufgebaut habe. An die Kollegen, die ich ongeboardet habe, die mich jetzt um Hilfe fragen, weil sie mehr verdienen als ich.

Ich tippe: «Klar, gib mir 10 Minuten.»

Dann lösche ich es.

Ich tippe: «Ich habe heute noch einen Abschluss-Call. Schau dir die Pitch-Templates im Shared Drive an — ich habe die alle aufgebaut, die sind gut.»

Das ist das erste Mal heute, dass ich Nein sage. Es fühlt sich an wie ein kleiner Sieg. Es ist traurig, dass es sich so anfühlt.

19:20 Uhr — Zuhause

Ich öffne LinkedIn. Ich sehe, dass Thomas einen Post über «Teamarbeit und gemeinsamen Erfolg» geschrieben hat. Er erwähnt «unser starkes Q1». Er erwähnt Marco. Er erwähnt Fabian. Er erwähnt «das ganze Team».

Er erwähnt mich nicht.

Der Post hat 47 Likes. Ich like ihn nicht.

Ich schliesse LinkedIn. Ich mache mir einen Tee. Ich denke an die offene Stelle, die ich letzte Woche auf LinkedIn gesehen habe — Head of Sales, ein Scale-up in Basel, gegründet von einer Frau. Ich habe die Stelle gespeichert und dann gedacht: Vielleicht noch nicht. Vielleicht gebe ich Thomas noch eine Chance.

Heute Abend denke ich: Vielleicht nicht mehr.

22:00 Uhr

Ich schreibe diese Geschichte auf. Nicht weil ich eine Heldin sein will. Nicht weil ich Mitleid suche. Sondern weil ich weiss, dass mindestens die Hälfte der Frauen, die das lesen, sagen werden: «Das bin ich.»

Und weil ich weiss, dass mindestens die Hälfte der Männer, die das lesen, sagen werden: «So schlimm ist das bei uns nicht.»

Für die zweite Gruppe: Fragt Anna. Nicht Thomas. Anna.

Bist du Anna? Schreib uns anonym auf moments@roestileads.ch. Deine Geschichte wird gehört — und wenn du willst, auch gedruckt.

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