500 E-Mails. Ein Fehler. Und überraschend viele Antworten.
Eingereicht von einem anonymen Leser aus Bern. Berufsbezeichnung: «Head of Growth, vorübergehend auch Head of Shame».
Es war ein Dienstag im Oktober. Ich sass in unserem Büro in Bern, trank meinen dritten Kaffee und war überzeugt, dass ich gerade dabei war, das Sales-Team der Zukunft aufzubauen. Kein SDR mehr nötig. Kein mühsames manuelles Prospecting. Nur ich, mein Laptop, und die fortschrittlichste KI-Outreach-Plattform, die mein Marketingbudget hergab.
Wir hatten gerade Clay eingeführt. Für alle, die es nicht kennen: Clay ist ein Tool, das automatisch personalisierte Opening-Lines für Cold-E-Mails generiert — basierend auf dem LinkedIn-Profil des Empfängers. Der Agent liest das Profil, findet etwas Relevantes, und schreibt eine individuelle erste Zeile. In der Theorie klingt das so: «Ich habe Ihren Beitrag zum Thema Employer Branding gelesen — sehr treffend, was Sie über die Generation Z schreiben.» In der Praxis war es an diesem Dienstag etwas anders.
Der Plan
Unsere Zielgruppe: 450 HR-Leiterinnen und HR-Leiter in Schweizer KMU. Mittelgross, Deutschschweiz, wachstumsorientiert. Ich hatte die Liste sauber segmentiert, die Sequenz aufgebaut, den Prompt für die KI sorgfältig formuliert. Oder so dachte ich.
Der Prompt lautete sinngemäss: «Schreib eine personalisierte Opening-Line basierend auf dem letzten LinkedIn-Post oder einer kürzlichen beruflichen Aktivität der Person.»
Was ich nicht bedacht hatte: Nicht alle 450 Personen auf meiner Liste hatten in den letzten 90 Tagen etwas auf LinkedIn gepostet. Manche hatten überhaupt noch nie etwas gepostet. Einige hatten LinkedIn-Profile, die aussahen, als wären sie 2018 angelegt und seitdem nicht mehr angefasst worden — ein Profilfoto aus der Ära, als Businessfotos noch vor Zimmerpflanzen gemacht wurden, und eine Berufsbezeichnung, die drei Stellen zurücklag.
Für diese Fälle hatte mein Prompt keine Ausweichlösung. Und Clay, die fortschrittlichste KI-Outreach-Plattform auf dem Markt, löste das Problem auf ihre eigene, sehr direkte Art.
Die E-Mail
Sie sah ungefähr so aus:
«Guten Tag Frau Meier
Ihre kürzliche Veröffentlichung zum Thema [TOPIC_NOT_FOUND] hat mich sehr beeindruckt — besonders Ihre Perspektive auf [INSIGHT_NOT_FOUND]. Als jemand, der sich intensiv mit [FIELD_NOT_FOUND] beschäftigt, dachte ich, unser Ansatz könnte für Sie relevant sein...
Mit freundlichen Grüssen»
Ich schicke das in der Hoffnung, dass ihr gerade nicht am Trinken seid.
Das Schlimmste daran: Ich hatte vor dem Versand keine Stichprobe gecheckt. Ich hatte der Automatisierung blind vertraut. Die Kampagne lief durch, alle 450 E-Mails waren draussen, bevor ich überhaupt vom Kaffee aufgeschaut hatte. Ich bemerkte es erst, als die erste Antwort reinkam.
Die Antworten
«Guten Tag. Ich bin nicht sicher, welche Veröffentlichung Sie meinen. Ich habe noch nie etwas veröffentlicht. Aber ich bin neugierig, was Sie verkaufen.»
Das war Antwort Nummer eins. Ich las sie zweimal. Dann öffnete ich die gesendeten E-Mails. Dann lehnte ich mich sehr lange sehr still in meinem Stuhl zurück.
Es folgten weitere Antworten. Insgesamt sieben Stück in den ersten 24 Stunden — bei einer Kampagne, die normalerweise vielleicht zwei oder drei Antworten generiert hätte. Die Rücklaufquote war, objektiv betrachtet, besser als bei jeder anderen Kampagne, die ich je gemacht hatte.
«Das ist die ehrlichste Kalt-E-Mail, die ich je bekommen habe. Was genau macht Ihr Unternehmen?»
«[TOPIC_NOT_FOUND] — ich musste lachen. Rufen Sie mich an.»
«Ich zeige das gerade meiner Kollegin. Wir finden es grossartig. Können wir trotzdem einen Termin machen?»
Und mein persönlicher Favorit, von einer HR-Leiterin aus dem Kanton Solothurn:
«Lieber [NAME_NOT_FOUND], ich freue mich auf das Gespräch zu [TOPIC_NOT_FOUND]. Bitte senden Sie mir Ihre Verfügbarkeiten.»
Sie hatte die Fehlermeldungen übernommen und mich damit angeschrieben. Ich hätte sie heiraten können.
Was ich daraus gelernt habe
Erstens: Immer eine Stichprobe checken. Zehn zufällige E-Mails aus der Kampagne öffnen, bevor man auf «Senden» drückt. Das hätte drei Minuten gedauert und mich vor allem gerettet.
Zweitens: Fallbacks definieren. Wenn die KI nichts findet, soll sie eine generische aber menschliche Opening-Line schreiben — nicht die Fehlermeldung durchreichen wie eine kaputte Quittung.
Drittens, und das ist der Teil, den ich am wenigsten erwartet hatte: Authentizität schlägt Perfektion. Die sieben Antworten kamen nicht trotz des Fehlers — sie kamen wegen ihm. In einer Welt, in der jeder personalisierte KI-E-Mails verschickt, war meine kaputte KI-E-Mail das Menschlichste, was diese Leute an dem Tag in ihrem Postfach hatten.
Aus den sieben Antworten wurden fünf Gespräche. Aus fünf Gesprächen wurden zwei Kunden.
Ich sage nicht, dass man Kampagnen absichtlich sabotieren soll. Aber ich sage: Der beste Sales-Moment meines Jahres kam aus meinem grössten Fehler. Und das fühlt sich irgendwie sehr schweizerisch an — pragmatisch scheitern, und trotzdem den Deal holen.
😅 Hast auch du einen Roesti Moment erlebt? Schick ihn uns anonym an moments@roestileads.ch.Warm serviert, wie es sich gehört.