450 offene Sales-Stellen. Nur in einer Branche.
Auf einer einzigen Jobplattform, über 450 offene Sales-Stellen in derselben Branche. Wachstum ist die offizielle Erklärung. Die eigentliche ist eine andere.
Wer dieser Tage auf jobs.ch schaut, sieht es sofort: Allein im Bereich Versicherung Akquisition und Beratung sind über 450 offene Stellen ausgeschrieben. Helvetia, Zürich Versicherung, Allianz, Groupe Mutuel — alle suchen, alle gleichzeitig.
Die offizielle Erklärung ist Wachstum. Der Schweizer Versicherungsmarkt soll bis 2029 mit einer jährlichen Rate von über zwei Prozent zulegen. Neue Risiken, neue Produkte, neue Kundensegmente — Cyber-Versicherungen, Elementarschaden-Policen, individuelle Lösungen für Selbständige und Freiberufler. Die Branche wächst, also braucht sie mehr Verkäufer. Logisch.
Aber das ist nur die halbe Geschichte.
Die andere Hälfte wird seltener laut ausgesprochen: Die Versicherungsbranche hat ein massives Fluktuationsproblem im Vertrieb. Wer länger in der Branche ist, weiss das. Die Drehtür dreht sich schnell — neue Berater kommen, werden provisionsbasiert eingesetzt, kämpfen die ersten Monate mit einem leeren Kundenstamm, und sind oft nach einem oder zwei Jahren wieder weg. Die offenen Stellen die heute ausgeschrieben sind, sind nicht nur Stellen für Wachstum. Viele davon sind Stellen die bereits vor einem Jahr besetzt waren.
Warum dreht die Tür so schnell?
Ein Teil der Antwort liegt im Entlöhnungsmodell. Viele Versicherungsverkäufer werden ganz oder teilweise auf Provisionsbasis entlöhnt. Was das in der Praxis bedeutet: Die ersten Monate ohne aufgebauten Kundenstamm sind finanziell hart. Wer nicht schnell genug Fuss fasst, geht. Wer Fuss fasst, bleibt — aber die Quote derer die es nicht schaffen, ist strukturell höher als in anderen Vertriebssegmenten. Das leistungsorientierte Vergütungsmodell mit "realistisch erreichbaren Provisionszielen" klingt attraktiv und entpuppt sich für viele als Quelle von Druck und Frustration.
Ein weiterer Teil liegt im demografischen Wandel. Die Generation der klassischen Aussendienstler, die jahrzehntelang über persönliche Beziehungen und Empfehlungsnetzwerke verkauft hat, geht in Rente. Die junge Generation die nachkommt, will anders geführt, anders eingesetzt und anders entlöhnt werden. Das Modell das früher funktioniert hat, zieht heute weniger an — und hält noch weniger.
Und dann ist da noch der Kanal-Wandel. Was ein Versicherungsverkäufer heute können muss, hat sich grundlegend verändert. Kunden prüfen Anbieter vor dem Erstkontakt online, vergleichen auf Aggregatoren und kommen mit mehr Vorwissen in Gespräche als je zuvor. Das klassische Beratungsmodell das auf Inbound-Terminen und Jahresgesprächen aufgebaut war, funktioniert unter diesen Bedingungen nicht mehr so einfach. Viele der Leute die die Branche jetzt einstellt, werden für eine Welt ausgebildet die so nicht mehr existiert.
Was das für Sales-Talente bedeutet
Die offenen Stellen sind real — und wer gerade mit Vertriebserfahrung auf dem Markt ist, hat Optionen. Aber wer in die Versicherungsbranche wechselt, sollte die richtigen Fragen stellen bevor er unterschreibt. Wie ist das Entlöhnungsmodell in den ersten zwölf Monaten konkret aufgebaut? Wie lange bleiben Verkäufer im Schnitt in diesem Team? Wie sieht das Onboarding tatsächlich aus?
Die Branche sucht nicht weil sie zu wenige Interessenten hat. Sie sucht weil sie zu viele verliert. Das ist ein Unterschied der sich für denjenigen der unterschreibt, erheblich anfühlen kann.
Habt ihr Erfahrungen mit dem Einstieg in die Versicherungsbranche — positiv oder negativ? Schreibt uns auf redaktion@roestileads.ch